Schwangere Auster - Berlin Sightrunning

Kreative Berliner Spitznamen

Die ehemalige Kongresshalle, inmitten des Tiergartens, direkt an der Spree gelegen, wird oft mit dem Spitznamen „schwangere Auster“ versehen – in Anspielung auf das charakteristische Dach des Gebäudes sowie die kreative Namensgebung der Berliner für ihre Bauwerke. Wie aber auch bei anderen Beispielen geht hier die Wortschöpfung eher auf Journalisten und Fremdenführer, denn auf die Berliner selbst zurück.

Vom Architekten Hugh Stubbins entworfen und 1956/57 von der Benjamin Franklin Stiftung erbaut, galt das Gebäude von Anfang an als prominentes Symbol der deutsch-amerikanischen Allianz. Eleanor Dulles, Schwester von Allan Dulles, CIA Direktor seit 1953 und John Foster Dulles, US Außenminister seit 1953, gründete die Benjamin Franklin Stiftung, welche die „Benjamin Franklin Halle“ der Stadt Berlin „schenkte“. Das Geschenk kostete die Stadt allerdings etwa 19 Mio. D-Mark. Das wären heute – kaufkraftbereinigt – ca. 46 Mio €. Der größte Teil der Kosten wurde vom Bundeshaushalt übernommen. Die Berliner griffen zunächst den Einfluss der Amerikaner bzw. Eleanor Dulles´ in ihrer Namensgebung auf und nannten das Bauwerk „Uncle Sam’s Zylinder“, bzw. „Frau Dullles‘ Hut“.

Aufbau und Absturz

Stubbins und Eleanor Dulles bezeichneten das Gebäude – anlässlich der Interbau 1957 errichtet – als „Leuchtfeuer der Freiheit, das seine Strahlen nach Osten sendet“. In den Nachkriegsjahren wurde das Bauen zu einem Wettstreit der Systeme: das Hansaviertel im Westen der Stadt und die Stalinallee im Osten sind bauliche Zeugnisse dieser Zeit. Selbst Stubbins räumte ein: „Das war in Wirklichkeit ein Propagandabau, der sich an die Sowjets richtete, die nur einen knappen Kilometer entfernt waren.“ Für die Wahl des Bauplatzes war nicht nur die Nähe zur sowjetischen Sektorengrenze – 1957 noch ohne Mauer – entscheidend, sondern auch zum zukünftigen deutschen Regierungsviertel, dessen Errichtung man dort erwartete. Der damals abgeholzte Tiergarten gab noch den Blick frei auf das gegenüberliegende Reichstagsgebäude, ein Teil des Grundstücks befindet sich auf dem Gelände der früheren Kroll-Oper.

Die Dorton Arena in Raleigh (North Carolina) – das erste Bauwerk mit einem freitragenden Dach – diente als Vorbild für die „Schwangere Auster“, jedoch wich diese in entscheidenden Punkten von ihrem Vorbild ab: Stubbins‘ Entwurf sah eine wesentlich filigranere Dachaufhängung vor, was der Prüfingenieur Werner Koepcke jedoch nicht genehmigte. Gegen den Willen Stubbins, jedoch mit dessen Duldung, wurde die Konstruktion abgeändert, was zu einem erheblichen Zusatz von Material, wie Zement, Stahl und Steinen führte.

Am Vormittag des 21. Mai 1980 stürzte der südliche Teil des Dachrandes während einer Pressekonferenz zu einer Tagung ein, dabei wurden fünf Menschen verletzt, einer erlag seinen Verletzungen. Eine bautechnische Untersuchung von Gutachtern bestätigte die ersten Vermutungen von Fachleuten: Die technische Ursache lag sowohl in einer mangelhaften Planung des Daches als auch in einer mangelhaften Bauausführung und damit letztlich in einem Statikfehler:

„Der Einsturz des südlichen Außendaches und Randbogens der Kongresshalle in Berlin wurde durch konstruktive Mängel bei der Planung und Bauausführung der Außendächer und als Folge davon durch korrosionsbedingte Brüche ihrer den Randbogen tragenden Spannglieder verursacht.“
– Jörg Schlaich, Karl Kordina und Hans-Jürgen Engell: Gutachten 1980

Auch Stubbins war der Ansicht, dass die Änderung der Dachpläne zum Einsturz führte.

Schwangere Auster - Berlin Sightrunning

Geschichtliches und politisches Dokument

Zunächst wurde ein Abriss der Ruine in Betracht gezogen, unter anderem weil mit dem ICC seit 1979 bereits ein viel größeres Kongresszentrum vorhanden war. Ausschlaggebend für eine Sanierung wurde schließlich das Argument, dass die Kongresshalle ein „geschichtliches und politisches Dokument“ sei, weshalb sie von 1984 bis 1987 saniert und wieder aufgebaut wurde.

Heute ist die „Schwangere Auster“ das „Haus der Kulturen der Welt (HKW)“: ein Ausstellungsort in Berlin für die internationalen zeitgenössischen Künste und ein Forum für aktuelle Entwicklungen und Diskurse. Sie präsentiert künstlerische Produktionen aus aller Welt unter besonderer Berücksichtigung nichteuropäischer Kulturen und Gesellschaften.

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